Sueddeutsche Zeitung 2004
Wo Bronze von nah?
Ein Wunder: Das Trio Campanella mit "Iberia" von Albéniz
Die Rettung eines Meisterwerks vor sich selbst: Als Isaac Albéniz zwischen 1905 und 1908 seinen zwölfteiligen Klavierzyklus "Iberia" komponierte, hatte er, der mittlerweile schwer kranke Virtuose, selbst Probleme, manche der ungeheuren technischen Schwierigkeiten dieses Werkes zu bewältigen. Gerade das Städteportrait "Malaga" setzte ihm besonders zu ; da war er drauf und dran, die Manuskripte zu vernichten.
Als Artur Rubinstein Witwe und Tochter des 1909 gestorbenen Komponisten besuchte, baten sie ihn darum, etwas aus "Iberia" zu spielen. Rubinstein sah sich zu einer Erklärung vorab genötigt. Er hätte die stücke auf ihre Essenz reduziert und würde deshalb etliche unnötige Begleitfiguren fortlassen. Nachdem er gespielt hatte, zeigte sich die Witwe begeistert und sagte zur Tochter, Rubinstein habe die Stücke "genauso gespielt, wie sie dein Vater zu spielen pflegte".
Obwohl Rubinstein einige Partien aus "Iberia" aufgenommen hat, obwohl überragende Gesamteinspielungen von Alicia de Larrocha und vor allem durch Estaban Sánchez vorliegen, hat sich dieser Zyklus in Mitteleuropa nicht so recht durchsetzen können - auch wenn in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an diesem grandiosesten aller spanischen Klavierwerke festzustellen ist. Hauptgrund dafür ist Albéniz' ästhetischer Ansatz. Er geht von kurzen folkloristischen Motiven aus, die er schier endlos aneinander reiht und so zu Gro formen findet, die nicht immer einfach zu durchschauen sind. Obwohl spanisches Kolorit selbst diesen späten Stücken anhaftet, sind sie doch ganz dezidiert Kunstmusik an der Grenze zur Moderne. Im Kern tonal, wird der satz immer wieder mit Dissonanzen aufgeladen. Dabei handelt es sich so gut wie nie um prozesshafte Stücke. Vielmehr malt Albéniz in heiteren Farben und elegant Atmosphäre, Morgenstimmungen, Alltagsszenen, Gebirgsimpressionen, Hafenbilder.
Solcherlei Programmmusik, mag sie auch noch so raffiniert gemacht sein, ist in Mitteleuropa schon immer auf Vorbehalte getroffen. Dazu kommt, dass das Klavier vielleicht nicht das allergeeignetste Medium für Albéniz' Klangfantasien ist. Darauf deuten schon dessen frühe Klavierkompositionen, die bis heute vor allem im Gitarrenrepertoire verbreitet sind. "Iberia" aber lässt sich nicht auf einer Gitarre spielen.
Doch schon zu Lebzeiten lie sich der Komponist begeistern durch Aufführungen des Trío Iberia aus Granada, das auf Bandurria, Laúd und Gitarre spielte. In diese Tradition stellt sich nun das dänische Gitarrentrio Campanella, das den Zyklus in der kongenialen Bearbeitung seines Lead-Gitarristen Christophe Dejour musiziert. Hier ereignet sich ein Wunder, hier erhält die Musik eine Schwerelosigkeit, wie sie ihn auf dem Klavier noch nie besa . Alle anstrengung ist gewichen den Düften Andalusiens, den Tanzrhythmen des Nordens, der Beschwörung von mit Nichtstun verbrachten Tagen. Wo auf dem Klavier vertrackte Sprünge den natürlichen Fluss des Metrums behindern, da schwebt der Gitarrenklang weiter, auch wenn Rubati seinen Fluss mal eindämmen, dann wieder aufpeitschen: ein völlig unverquält romantisches Träumen.
Die drei Gitarristen nutzen alle Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente. Gepeitscht geschlagene Rasquedos akzentuieren die wechselnden Metren, die sich immer wieder überlagern. Trocken hingeschnalzte Pizzicati öffnen Klangräume der sehnsucht, plötzlich abgedämpte Akkorde fräsen sich brennend in die Haut des Hörers. So kommt, begünstigt durch die zauberhafte Akkustik der dänischen Torpen Kapelle, das schwerelose Changieren zwischen kunstmusik und Folklore zum Vorschein, und man gibt sich der illusion hin, dass erst hier Issac Albéniz seinen Frieden gefunden Hat.
Reinhard J. Brembeck
Reinhard J. Brembeck
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